Ökologische Bedeutung großer Wildtiere in Borneos Torfmoor-Regenwald

7. Juni 2025
Tiere
Ökologische Bedeutung großer Wildtiere in Borneos Torfmoor-Regenwald

Tropische Torfmoor-Regenwälder Borneos sind einzigartige, kohlenstoffreiche Ökosysteme und Heimat vieler endemischer Arten. Über ein Drittel der weltweiten Torfvorräte liegt in Indonesien, vorwiegend in ostasiatischen Tieflandregenwäldern.

Diese Wälder – etwa die Schutzgebiete Sebangau (570.000 ha) und Mawas (300.000 ha) – beherbergen große Populationen bedrohter Primaten wie Borneo-Orang-Utans (mit der größten bekannten Tiefland-Population) und Weißbart-Gibbons.

Die Tiere formen maßgeblich die Artenzusammensetzung und Funktion der Wälder: Durch ihre Fruchtfütterung verbreiten sie Samen, fördern die Regeneration und erhalten die Artenvielfalt.

Im Folgenden wird die Rolle von Orang-Utans und anderen Großtieren in diesen Ökosystemen untersucht, ihre Bedeutung für die Wiederherstellung degradierter Moore beleuchtet sowie die Folgen ihres Verschwindens für Kohlenstoffbindung, Wasserhaushalt und Biodiversität betrachtet.

Samenverbreitung und Artenvielfalt

Orang-Utans gelten als „Gärtner des Waldes“: Sie sind die größten baumbewohnenden Fruchtfresser der Welt und fressen energiereiche Früchte großer Baumarten. Dabei verschlucken sie die Samen oder transportieren Früchte in oft mehrere Kilometern Entfernung, bevor sie Samen zusammen mit Kot absetzen. Studien betonen, dass Orang-Utans als Endozoochoren entscheidend sind, um Samen großer Baumarten in entlegene Waldgebiete zu bringen. Ohne sie bleiben beispielsweise die Samen von Waldkiefern und anderen Flügelfruchtgewächsen (Dipterocarpaceae) nahe dem Mutterbaum liegen. In regenerierenden Torfmooren des ehemaligen Mega-Reis-Projekts fanden Freund et al. (2012), dass primaten-dispersierte Baumarten nur in geringen Distanzen zum Waldrand vorkamen, während vor allem Vogel- und Fledermaus-verbreitete Samen weiter ins Gebiet vordringen konnten.

Dies bedeutet: Fehlen Primaten wie Orang-Utans, werden große Samen nicht weit transportiert, und die Vielfalt der Baumarten nimmt ab. Auch andere Großtiere tragen zur Samenverbreitung bei: Gibbons oder Nasenaffen fressen Früchte und verbreiten deren Samen, wenn auch eher kleinerer oder mittelgroßer Art. Große Vögel wie Hornvögel („Großer Nashornvogel“ u. a.) spielen als effiziente Disperseure vieler Tropenfrüchte eine Schlüsselrolle. Im sumpfigen Habitat können gelegentlich auch Wildschweine (z.B. Bartschweine) oder Borneo-Zwergelefanten (insbesondere in tiefer gelegenen Flussgebieten) als Samenfresser und -verbreiter wirken. Insgesamt zeigt sich: Je größer die Vielfalt der Fruchtfresser (Primaten, Großvögel, Säuger), desto größer die pflanzliche Vielfalt und Stabilität des Ökosystems.

Ökosystemstruktur und -funktion

Große Säugetiere beeinflussen die Waldstruktur vielfältig. Durch ihre Bewegung im Kronendach öffnen Orang-Utans gelegentlich die Baumdecke, indem sie Äste brechen oder dichte Schlingpflanzen durchtreten. Ihre Schlafnest-Bauten in höheren Baumwipfeln lockern Äste und schaffen Lichtöffnungen, in denen Keimlinge wachsen können. Als Ökosystemingenieure sind sie daher wichtig für die Dynamik des Regenwalds: Sie fördern Sekundärwaldphasen und erhöhen die Strukturvielfalt. Munn und Harrison (2018) betonen, dass Orang-Utans „Verbreiter und Pfleger einer breiten Vielfalt von Baumarten“ sind und damit wesentlich zur langfristigen Produktivität des Waldes beitragen. Nicht zuletzt wirken sich intakte Waldökosysteme stark auf den Wasserhaushalt und das Klima aus. Unzerschnittene Torfmoorwälder fungieren wie riesige Sümpfe: Sie speichern Wasser, regulieren den Abfluss und filtern Verunreinigungen. Durch ihren dichten Baumbestand stabilisieren sie den Torf und verhindern Erosion. Werden diese Wälder jedoch degradiert – etwa durch Kanäle und Abholzung – trocknen die Torfschichten aus, und im trockenen Zustand setzen sie massenhaft CO₂ frei. Die Tiere unterstützen diese Funktionen indirekt, indem sie zur Erhaltung und Regeneration des Waldes beitragen. Beispielsweise belegen Schutzprojekte, dass Aufforstung von degradierten Flächen langfristig den Grundwasserspiegel anhebt und die Wasserqualität verbessert.

Regeneration degradierter Flächen

Nach der Flutung großer Torfmoordränken (Mega-Reis-Projekt in den 1990er Jahren) sind Millionen Hektar Wald zerstört und entwaldet worden. Über 4.000 km Kanäle entwässerten die Moore, führten zu großflächiger Austrocknung und schwer kontrollierbaren Feuern. In den langen Phasen ohne intakten Wald fehlen natürliche Mechanismen der Wiederbewaldung. Forschungsarbeiten auf ehemaligen MRP-Flächen zeigen, dass die Pflanzengesellschaften stark vom Waldrand abhängen: Wind- und vogelverbreitete Samen erreichen Gebiete weiter entfernt von Restwald, während primaten-verbreitete Arten fast nur nahe intakten Wäldern nachzuweisen sind. Die Wiederansiedlung großer Fruchtfresser kann den Regenerationsprozess stark fördern – indem Orang-Utans und Co. heimische Samen verbreiten und so die natürliche Sukzession anschieben. Praktische Projekte zeigen bereits Erfolge: Im Mawas-Gebiet haben wir in Kooperation mit Dorfgemeinschaften durch Dammbaumaßnahmen den Wasserstand angehoben und anschließend native Baumarten (z.B. Balangiran, Pantung, Pulai) gepflanzt. Innerhalb eines Jahres entstanden so auf 10 ha mehr als 11.000 junge Bäume verschiedener Arten

Auswirkungen des Artenverlusts

Fällt ein Schlüsselelement wie der Orang-Utan weg, geraten die Torfregenwälder in biotischen Wandel. Forschungsergebnisse aus anderen Tropenregionen zeigen: Ohne große Samenverbreiter scheinen Wälder mit der Zeit überwiegend von schnellwüchsigen, windverbreiteten Pionierbäumen dominiert zu sein, während großfruchtige, langsamwachsende Arten (z.B. Dipterocarpaceen) zurückgehen. Ein gedrosseltes Sammelsurium an Baumarten mindert die strukturelle Vielfalt. Für die Kohlenstoffbindung ist das fatal: Junge Wälder speichern meist deutlich weniger Biomasse als alte Wälder. Zudem führen fehlende Bäume zum Ausdunsten des Bodens – insbesondere in entwässerten Torfmooren sinkt der Wasserspiegel, was steigende Feuergefahr und CO₂-Emissionen zur Folge hat.

Ökologisch bricht eine ganze Nahrungskette ein: Spezialisierte Arten, die auf bestimmte Früchte oder dichten Wald angewiesen sind (z.B. manche Amphibien oder Insekten), verlieren ihren Lebensraum. Langfristig sinkt die Biodiversität stark, und der Wald kann seine Funktion als gigantischer Kohlenstoffspeicher kaum noch erfüllen.

Fazit

Große Tierarten, allen voran der Orang-Utan, sind in den torfigen Regenwäldern Borneos unersetzlich. Durch ihre Rolle als Fruchtfresser und Samenverteiler erhalten sie die genetische Vielfalt und Waldstruktur, die diese Ökosysteme stabil und produktiv machen.

Ihr Verschwinden würde nicht nur die Artenvielfalt drastisch reduzieren, sondern auch die Funktion des Ökosystems als Kohlenstoffsenke gefährden – entwässerte Moore würden vermehrt Treibhausgas freisetzen und den regionalen Wasserhaushalt kollabieren lassen.

Schutz- und Aufforstungsprojekte zeigen: Indem man große Wildtiere schützt und ihren Lebensraum regeneriert, stärkt man zugleich das Klima und die Lebensgrundlage der Menschen vor Ort.

Ein langfristiger Erhalt des tropischen Torfmoorregenwalds ist somit untrennbar mit der Zukunft von Orang-Utan und Co. verbunden.

Literaturangaben Campanales, S. (2023). Protecting the endangered wildlife of Borneo’s last peatlands (EcoAct Blog) eco-act.com . Freund, C. (2012). Assessing the Role of Seed Dispersal in Peat Swamp Forest Regeneration. Masterarbeit, University of Kent borneonaturefoundation.org . Galdikas, B. (2009). Peatland Carbon Stores. Orangutan Foundation International. Munn, A.; Harrison, M. (2018). Orangutans as forest engineers. OUP Blog blog.oup.com blog.oup.com . Ornitologiske Studier – Davis, S. (2010). Biodiversity and Conservation of Tropical Peat Swamp Forests. (Academic OUP) borneonaturefoundation.org . Orang-Utan retten / BOS (2020). Das Torfmoorgebiet Mawas. Deutsche BOS-Website orangutan.de orangutan.de . Orangutan.org (Galdikas, B.) (2009). Preserving Peatland orangutan.org . Organization for Tropical Studies (2012). Ecological Role of Great Apes in Asian Forests. Toteva, D. (2020). Freie Bahn für wilde Tiere (BOS Deutschland News) orangutan.de . World Wildlife Fund (2020). Restoring orangutan habitat in Malaysia worldwildlife.org . Weitere Quellen: Jauhiainen et al. (2018), Hydrology and carbon dynamics of tropical peatlands; Butler, R. (2013). Overhunting endangers tree species (Mongabay News) news.mongabay.com

Foto (c) BPI_BOSF .

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